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Lovecraftesque Spielbericht

Eine völlig neue Erfahrung im Bereich Rollenspiel war im September das Erzählspiel Lovecraftesque, welches wir zu viert über Hangouts gespielt haben. Für mich nicht nur erst das zweite Hangouts Spiel, sondern diesmal auch noch per Smartphone, da ich um diese Uhrzeit meine Einjährige Tochter ins Bett bringe und das eben am besten im Schlafzimmer funktioniert, wo ihr Bett direkt an meinem steht. Später bin ich dann auf den Computer gewechselt, aber dazu später mehr.

Da ich in den letzten 20 Jahren Rollenspiel hauptsächlich in der (alten) World of Darkness gespielt und vor allem gespielleitet habe, ist die erste Assoziation mit dem Wort Erzählspiel eine völlig andere: Das Storytelling-System beleuchtet mehr die Geschichte, die Charaktere und ist weniger Dungeoncrawling oder stumpfes Ablaufen von Quests, was ich immer eher mit Computerspielen in Verbindung brachte (auch die haben sich weiterentwickelt, keine Frage). Das man in der WoD sogenanntes Powergaming spielen kann, ist ein Thema, über das ich einen eigenen Artikel füllen könnte.

Was aber nun ist denn jetzt ein Erzählspiel? Im Prinzip ist es beinahe das, was ich mir als Spielleiterin mehr von Spielern wünschen würde. Aber erklären wir das mal konkret:

In einem Erzählspiel gibt es nicht nur eine Erzählerin, welche die Rollen in der Geschichte lenkt, sondern alle erzählen zusammen eine Geschichte. Was besser funktioniert, als diese Aussage vielleicht zuerst assoziiert.

Natürlich braucht es eine gewisse Struktur, damit das Ganze nicht in absolutem Chaos und Frust endet. Diese Struktur bietet Lovecraftesque im Genre Horror.

Lovecraft als Selbstbaufilm

Lovecraftesque ist quasi ein rundenbasiertes Erzählspiel: Die ganze Geschichte ist in mehrere Szenen aufgeteilt, die man reihum entwirft. Dabei gibt es für die Szene eine feste Erzählerin, eine Zeugin und ein oder mehrere Beobachterinnen. Die Zeugin ist in diesem Fall die Rolle, die man sich zuvor gemeinsam überlegt, denn nur diese eine Rolle wird durch die Geschichte geführt. Theoretisch können auch NSC in der Geschichte auftauchen, die ein wenig mitgelenkt werden. Wir sind diese Option umgangen, was sehr zur Stimmung beigetragen hat.

Die Erzählerin leitet die Szene also ein und erteilt dabei den Beobachterinnen hin und wieder das Wort (oder diese bringen sich selbst ein, was bei uns immer öfter vorkam, umso wärmer wir mit dem ganzen Ablauf wurden). So können mehrere Personen zur Stimmung beitragen und auch ein wenig die Richtung der Szene verändern. Als Beispiel nehme ich hier den plötzlich auftauchenden Brief, welcher sich als schleimiges Algenblatt entpuppte, da hier zwei verschiedene Personen erzählt hatten.

Die Zeugin reagiert auf die Szene und es kann, je nach Situation, einen fließenden Wechsel zwischen Zeugin und Erzählern (Erzählerin und Beobachterinnen) geben. Nach dem ersten kompletten Durchlauf, sodass jeder einmal Erzählerin war, lief die Geschichte flüssig zusammen (Pun intended), so dass alle im ineinander greifenden Gespräch die Geschichte zum Leben erweckten.

Wichtiger Punkt bei der Struktur von Lovecraftesque ist die Zielgebung. Man könnte ewig eine Geschichte erzählen, die zwar immer skurriler werden würde, aber nie endend. Deshalb gibt es die drei Phasen mit festgeschriebener Anzahl an Szenen und einer groben Anweisung. Phase Eins ist nicht nur dafür da, um als SpielerIn in die Erzählmechanik zu kommen, sondern auch, um langsam die Spannung aufzubauen. Ohne, dass dabei wirklich schon Cthulhu am Himmel zu sehen ist. In Phase zwei wird es dann ernster, die Reise in den Abgrund beginnt und Dinge sind überhaupt nicht mehr rational erklärbar. Mit Phase Drei ist man dann im Abgrund und kommt zum Ende. Der Epilog erzählt dann noch frei, wie es auf der Welt weitergeht, nachdem der Schrecken entlarvt wurde und hier kann man auch noch mal für Gänsehaut sorgen!

Unsere Geschichte nahm immer mehr Fahrt auf, sodass wir in der letzten Szene von Phase zwei schon fast direkt zu Phase drei springen konnten. Rückblickend muss ich sagen, dass es gut war, dass Ganze aber nach der vorgegebenen Struktur weiter zu spinnen und es noch abgedrehter – pardon, schrecklicker – wurde, als es eh schon war.

Jede Szene endete mit einem Hinweis auf die Schrecklichkeit, die unsere Zeugin direkt vor die Nase bekam. Diese müssen nicht zusammen passen, da in jeder Szene jemand anderes die Erzählerin ist, die diesen Hinweis streut. Wenn ich mehr über die Gestalten des Lovecraft Hintergrund gewusst hätte, wären meine Spekulationen sicherlich wild in diese Richtung gegangen. Stattdessen habe ich zu Beginn noch an einer rationalen Erklärung gesucht, denn immerhin war unsere Zeugin eine westliche Spionin in der DDR im Jahre 1987!

Stimmung mit Gänsehaut

An dieser Stelle mag ich die Gruselfaktoren erwähnen, die in unserer Gruppe aufkamen. Bereits beim Zusammenbau der Rolle Kim, die wir bewusst mit einem Geschlechtsneutralem Namen und einem Androgynen Aussehen bedachten, sowie das Geschlecht nicht definierten, kam Gänsehaut auf. Vielleicht wussten wir schon, in welche Tiefe Geschichte wir uns bewegen würden? Nein, es war wohl eher die Quelle von Kims Kraft, der Walkman mit genau einer Kassette. Was wäre Horror ohne die richtige Musikuntermalung?

Die Beschreibung von der Musik während des Spiels war eher eine humorvolle Sache – schlimmer war wohl, die Kulisse, die ich im Schlafzimmer mit der Spieluhr beisteuerte: Um meine Tochter zum Einschlafen zu bewegen, klingelte diese nämlich “Guten Abend, gute Nacht” und das war während des Spiels schon irgendwie gruselig.

Als meine Tochter dann schlief, wechselte ich den Raum und hatte das Babyfon als Begleitung dabei. Kim wurde in unsere Geschichte andauernd von zwei Motorrädern verfolgt, deren Präsenz Paranoia schürte und das Gefühl der Hilflosigkeit verhärtete. Auf einmal meldete sich das Babyfon in gewohnt schlechter Audioqualität mit einem Brummen, denn vor dem Fenster des Schlafzimmers fuhr ein Motorrad vorbei! Das sorgte für ein paar Sekunden Stille im Hangout.

So hatten wir ungeplant noch ein wenig Gänsehaut mehr, als die Geschichte mit der Zeit sowieso mit sich brachte. Ich selbst bin zwar keine Person, die sich wirklich gruselt, aber ich mochte die Stimmung sehr und war auch irgendwo froh, dass ich trotz Kleinkind diese Stimmung nicht zerstörte. Denn das ist für mich als Mutter auch immer ein hakeliger Punkt. Wir konnten uns alle gut auf das Spiel einlassen und es hat allen viel Spaß gemacht!

 

Ich schaffe es hoffentlich bald, unsere Geschichte auf zu schreiben. Da dies jedoch etwas umfangreicher ist, liefere ich diese nach, Abseits dieses Artikels. #UndKimWarEinsam

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1 Kommentar

  1. Hi Nadine,

    vielen Dank für die schönen Gedanken zum Spiel und der Sitzung!

    Ich freue mich schon darauf, unsere Geschichte mal nachzulesen.

    Antwort
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